Malerei.Grafik.Objekte

 

 

 

 

 

Ich arbeite schwerpunktmäßig mit serieller Malerei. Dabei nutze ich als Vorlagen mediale Archive wie z.B. Auktionskataloge oder Photodokumentationen, die reale Architekturen abbilden. Diese Orte werden von mir nie aufgesucht und somit nie räumlich erfahren. Oftmals existieren diese Architekturen nicht mehr.  Ich betreibe eine Archäologie der Gegenwart indem ich auf der Bildoberfläche Schicht für Schicht der verschwundenen Häuser rekonstruiere. Dabei nutze ich die Leerstelle der Architekturen als Projektionsfläche und spüre fiktiv Biografien nach. Die Bildvorlagen gehen durch mich hindurch und so entstehen endlosen Serien von „Seelenhäuser“, so auch der Titel des skulpturalen Werkteil.

 

Sonja Blattner, 2012


Spuren des Menschlichen

Die Künstlerin zeigt die Häuser in perspektivischer Verschachtelung. Sie wolle dem Betrachter die Freiheit geben, perspektivisch oder flächig zu sehen, erklärt Blattner. Die Buntheit der Bilder wirkt auf den ersten Blick fröhlich. Erst bei genauerem Hinsehen kann der Betrachter auch bedrohliche Tendenzen wahrnehmen.

Das Farbflirren kann unheimlich wirken., Häuser ohne Fenster oder Türen muten wie Gefängnisse an. Die Mischung aus Farbenpracht und subtilem Schauer machen Blattners Bilder zu fesselnden Geschichtenerzählern.

Viele Häuser wirken verlassen. Mit der Fokussierung auf Zurückgelassenes richtet Blattner ihren Blick auch auf die Zeitlichkeit. Mit ihren Bildern kreiert sie keine persönlichen Sehnsuchtsorte sondern "innere Häuser" sagt die in Berlin lebende Künstlerin. Stadthäuser interessieren sie wenig, weil die enge Reihung keinen Platz für Individualität lässt. Ihre Motive, die sie unter anderem in Immobilienkatalogen findet, stehen immer frei.

Naturelemente wie Bäume, die der Szenerie das Flair einer Idylle geben würden, setzt Blattner nur silhouettenhaft und in der Göttinger Ausstellung gar nicht ein. Daher wehrt sie sich entschieden dagegen, als Landschaftsmalerin bezeichnet zu werden. Sie wolle kein Idyll, keine Bilder, die sich bloß durch ihre Ästhetik auszeichnen, zeigen.

Ihre Bilder sind persönliche, durch die Künstlerin selbst transformierte Atmosphärenschauspiele. In ihren Bildern zeigt sie zwar keine Menschen, aber Spuren des Menschlichen. Diese Spuren nachzuempfinden ist der Schlüssel zu Blattners Werk.

 

Göttinger Tageblatt,  2013

 

 

Die tote Stadt - Im Moloch der Meditation

Berlin - Stadt pulsiert, lebt, unaufhörlich, ununterbrochen. Wie kann ein solcher Ort zum Mittelpunkt der Meditation, des Innehaltens werden, eine „Kirche des Gewesenen“ gar?

Im Kronenboden von Karen Stuke gibt die Künstlerin Sonja Blattner ab Ende September mit ihren Skulpturen und Gemälden in einer neuen Ausstellung Antworten darauf.

Erinnerungen an Korngolds „Die tote Stadt“ sind erwünscht. Der Kronenboden hat sich im vergangenen Jahr den Ruf erarbeitet, ebenso ausgefallene wie künstlerisch hochwertige Veranstaltungen zu organisieren. Mit der Ausstellung „Die tote Stadt“, die Bilder und Skulpturen von Sonja Blattner zeigt, ist ab Ende September wieder ein besonderes Erlebnis zu erwarten. „Die tote Stadt“, von Erich Wolfgang Korngold komponierte und 1920 in Hamburg und Köln uraufgeführte Oper, erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich nach dem Tod seiner Frau in ein Zimmer in Brügge - die „Kirche des Gewesenen“ - zurückzieht, um sich der Trauer hinzugeben. In seinem Rückzug, seiner Meditation, seinem Innehalten erscheint eine andere Frau, die ihm seine wahre Liebe abverlangt. Das endet mit dem Tod der Frau und dem Abschied des Protagonisten von der Stadt. Rückzug, Flucht aus dem Moloch als Lösung?

Sonja Blattner bezieht einen anderen Standpunkt. Aus ihrer Sicht ist gerade die Stadt mit ihren dunklen Straßenzügen der Rückzugspunkt, um zur Ruhe zu kommen, einen Ruhepunkt zu finden. In der ganzen Zerrissenheit, im Auseinanderfallen, ist nicht die Abkehr von der Stadt die rechte Lösung, sondern das sich Einlassen, die Hinwendung verspricht die wahre Meditation.

Wie viel Farbe verträgt eine solche Betrachtungsweise? Auch darauf hat Blattner eine überraschende Antwort.

Sie zitiert Matisse: „Schwarz ist die Farbe des Lichts.“ Schwarz saugt das Licht in sich auf und glänzt und leuchtet so viel mehr als alle anderen Farben.

In dieser Welt scheinbarer Widersprüche präsentiert sich das Werk Blattners als Aufbruch in neue Denkweisen - und da findet sie wieder mit Korngold zusammen.

Sonja Blattner, geboren 1955 in Konstanz, hat Philologie in Mainz studiert. Nach dem Studium der Malerei an der Hochschule der Künste Berlin wurde sie 1996 zur Meisterschülerin Karl-Heinz Herrfurths ernannt. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Michael S. Zerban, 2009

 

Sonja Blattners fragilen Häusern auf Stelzen haftet eine Lebendigkeit an, die von der Materialität ausgeht, aber auch von der räumlichen Anordnung der unterschiedlichen Objekte.

Sind dies Häuser oder nicht doch Lebewesen, die sich hier im großen Kiesraum der Galerie eingefunden haben? In ihrer verletzlichen Schönheit lässt sich Menschengeschichte und Schicksal ablesen.

 

Lausitzer Rundschau, 2009