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In die Zukunft träumen

Sonja Blattner malt Häuser. Bauten, die seltsam aus dem Lot geraten sind, verrückt und zu schweben scheinen, unorthodoxe Anbauten oder Farbgebungen aufweisen und immer wieder mit surrealen Elementen kombiniert sind. Immer sind es Häuser, die nicht mehr bewohnt sind. Sie stehen zum Verkauf oder sind bereits abegerissen worden, in New Jersey, Florida oder Ostdeutschland.

Alle ihre Häuserbilder sind Portraits. Sonja Blattner malt, was an den Häusern haftet oder was sie erspürt, was ihnen haften könnte, die Schicksale ihrer Erbauer/innen und ehemaliger Bewohner/innen. Auch auf den Zustand der Nachbarschaft lassen die Häuser schließen. Basierend auf einer Mischung von Recherche und Projektion sind Sonja Blattners Häuser Portraits von Seelenlandschaften und der Verfassung einer Gesellschaft. Abbildungen in Auktionskatalogen und Immobilienanzeigen dienen ihr als Vorlage, um der Darstellung des Hauses im Malakt die Darstellung seiner (möglichen) Geschichte hinzuzufügen.

Es geht um Risse in Wirklichkeiten und Wahrnehmungen. "Im Grunde sind es alles Träume und Albträume", beschreibt sie ihre Arbeiten "und bei manchen Bildern ist die Zukunft schon mit drauf".

Dr. Silke Feldhoff, 2012

 



Die tote Stadt - Im Moloch der Meditation

 

Berlin - Stadt pulsiert, lebt, unaufhörlich, ununterbrochen. Wie kann ein solcher Ort zum Mittelpunkt der Meditation, des Innehaltens werden, eine „Kirche des Gewesenen“ gar?

Im Kronenboden von Karen Stuke gibt die Künstlerin Sonja Blattner ab Ende September mit ihren Skulpturen und Gemälden in einer neuen Ausstellung Antworten darauf.

Erinnerungen an Korngolds „Die tote Stadt“ sind erwünscht. Der Kronenboden hat sich im vergangenen Jahr den Ruf erarbeitet, ebenso ausgefallene wie künstlerisch hochwertige Veranstaltungen zu organisieren. Mit der Ausstellung „Die tote Stadt“, die Bilder und Skulpturen von Sonja Blattner zeigt, ist ab Ende September wieder ein besonderes Erlebnis zu erwarten. „Die tote Stadt“, von Erich Wolfgang Korngold komponierte und 1920 in Hamburg und Köln uraufgeführte Oper, erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich nach dem Tod seiner Frau in ein Zimmer in Brügge - die „Kirche des Gewesenen“ - zurückzieht, um sich der Trauer hinzugeben. In seinem Rückzug, seiner Meditation, seinem Innehalten erscheint eine andere Frau, die ihm seine wahre Liebe abverlangt. Das endet mit dem Tod der Frau und dem Abschied des Protagonisten von der Stadt. Rückzug, Flucht aus dem Moloch als Lösung?

Sonja Blattner bezieht einen anderen Standpunkt. Aus ihrer Sicht ist gerade die Stadt mit ihren dunklen Straßenzügen der Rückzugspunkt, um zur Ruhe zu kommen, einen Ruhepunkt zu finden. In der ganzen Zerrissenheit, im Auseinanderfallen, ist nicht die Abkehr von der Stadt die rechte Lösung, sondern das sich Einlassen, die Hinwendung verspricht die wahre Meditation.

Wie viel Farbe verträgt eine solche Betrachtungsweise? Auch darauf hat Blattner eine überraschende Antwort.

Sie zitiert Matisse: „Schwarz ist die Farbe des Lichts.“ Schwarz saugt das Licht in sich auf und glänzt und leuchtet so viel mehr als alle anderen Farben.

In dieser Welt scheinbarer Widersprüche präsentiert sich das Werk Blattners als Aufbruch in neue Denkweisen - und da findet sie wieder mit Korngold zusammen.

Sonja Blattner, geboren 1955 in Konstanz, hat Philologie in Mainz studiert. Nach dem Studium der Malerei an der Hochschule der Künste Berlin wurde sie 1996 zur Meisterschülerin Karl-Heinz Herrfurths ernannt. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Michael S. Zerban, 2009

 

Sonja Blattners fragilen Häusern auf Stelzen haftet eine Lebendigkeit an, die von der Materialität ausgeht, aber auch von der räumlichen Anordnung der unterschiedlichen Objekte.

Sind dies Häuser oder nicht doch Lebewesen, die sich hier im großen Kiesraum der Galerie eingefunden haben? In ihrer verletzlichen Schönheit lässt sich Menschengeschichte und Schicksal ablesen.

 

Lausitzer Rundschau, 2009